Was, wenn Gott männlich ist?

Vor ein paar Tagen begegnete mir wieder ein post auf facebook, der schon seit zwei Jahren im Internet umhergeistert (#God is a woman – Priest who was dead for 48 minutes claimed). Es heißt darin sinngemäß, in einem Zustand als klinisch Toter habe ein katholischer Priester eine Begegnung mit Gott gehabt und Gott sei eine sehr warmherzige Frau gewesen. Der Artikel überrascht auch heute noch, 2017, wie so viele Themen, bei denen uns vor allem überrascht, wie wenig weit die Menschheit in den Debatten um sie in den letzten paar tausend Jahren eigentlich gekommen ist. Die katholische Kirche hat sich nämlich laut Medien durch andere Pater dann bald geäußert und “korrigiert”, dass das natürlich nicht stimme und der Pater in einer Nahtod-Erfahrung halluziniert habe. Ja herrlich. Wieder ein Beispiel dafür, dass Individuen, die sich der gängigen Wahrheit widersetzen, für verrückt erklärt werden, sobald sie von den Machthabern als gefährlich eingeschätzt werden – als gefährlich, weil andere ihnen glauben und damit die Machthaber anzweifeln könnten.

Ich sitze jetzt hier und frage mich, wie ist das denn mit Gott? Wie kommt man darauf, Gott als männlich zu beschreiben? Ist Gott eine Frau?

Sehr lange habe ich über solche Fragen nicht mehr nachgedacht, und plötzlich sind sie da. Vielleicht weil ich mich frei machen konnte von der Ablehnung von Kirche/Religion als per se “böse”. Denn diese Einschätzung hatte ich lange, geschürt durch die westliche Kolonialgeschichte, in der so weitreichend sehr zweifelhafte Missionierung stattgefunden hat und anderer Machtmissbrauch, der ebenfalls gestützt war auf das Überlegenheitsgefühl durch den christlichen Glauben. Naja, und ich hatte die Einschätzung von Religion als gefährliche Machtinstitution auch mit der Beobachtung, dass derzeit der Islam missbraucht wird, um durch extrem krude Auslegung Gewalt, Terror und Ausdehnung der Macht einzelner Gruppen zu rechtfertigen. Doch inzwischen habe ich eine Klarheit gefunden, zu der die Trennung zwischen Glauben und Instrumentalisierung gehört. Ja, ich bezeichne mich sogar gern auch offiziell als gläubig – ich glaube an Frieden und an das, was alle Religionen zunächst predigen: gut miteinander umgehen – ehrlich sein – andere nicht beneiden etc.; dazu schrieb ich schon im “Wort zu 2017”. Nun aber:

Im deutschen Sprachgebrauch heißt es Muttersprache und Vaterland. Es heißt Mutter Erde und Gott Vater. Das ist doch interessant, wenn man sich die gesellschaftlich zugeschriebenen Mutter- und Vaterrollen in Deutschland und auf der Welt mal anguckt. Die Mutter übernimmt in den meisten Kulturen seit jeher die Aufgabe nicht nur des Austragens des Nachwuchses, sondern auch der Erziehung der Kinder. Sie ist jeden Tag da und versorgt den Nachwuchs mit Nahrung, Kleidung, Wärme. Sie schützt das Kind vor Krankheiten, versorgt es mit sozialen Kontakten und mit der Möglichkeit, die Welt kennen zu lernen. Wenn Frauen Lohnarbeit nachgehen (in der Landwirtschaft, Pflege, Gastronomie, Produktion genauso wie in Management-Positionen, Bildungsberufen und allen anderen Bereichen der Arbeitswelt), haben sie in der Regel ergänzend die Aufgabe, sich weiterhin federführend um Kindererziehung und Haushalt zu kümmern. Männer hingegen gelten in archaischen Strukturen häufig als diejenigen, die die Nahrung besorgen, die eigene Gemeinschaft vor Feinden beschützen und die Wohnstätte errichten und instand halten. In sogenannten zivilisierten Gesellschaften {ich schreibe immer “sogenannt”, weil mir die Abwertung nicht-industrieller Lebensformen darin nicht gefällt} haben Männer häufig weiterhin die Rolle, das Geld zu verdienen. Man spricht bei solchen Ordnungen ja auch von patriarchalen Gesellschaften. Der Mann hat also die Aufgabe, fernab von Zuhause die Existenz seiner Familie zu sichern.

Wenn man sich also fragt – wo ist Gott? Warum lässt Gott Menschen immer wieder allein in Krisenzeiten? Warum lässt Gott zu, dass so viel Elend geschieht? …..dann könnte man das damit erklären, dass Gott männlich ist und eine männliche Rolle einnimmt. – Er lässt die Menschen allein mit Mutter Erde, so wie viele Väter ihre Kinder allein lassen.

Da bin ich doch dankbar, dass viele Männer gar keine Lust mehr haben auf die althergebrachten Rollen-Stereotype. Da bin ich doch froh, dass in der Debatte um Gleichberechtigung z.B. in Deutschland von beiden Elternteilen Elternzeit genommen werden kann {naja,….vorausgesetzt, die Arbeitsverhältnisse ermöglichen überhaupt, Kinder zu bekommen und Auszeiten zu nehmen oder in Teilzeit zu gehen, was häufig leider nicht der Fall ist}.

Meine vorläufige These ist also: Wenn wir nicht wollen, dass Gott uns allein lässt in Krisenzeiten, dann müssen wir unser Bild von Männlichkeit ändern. Denn Gott ist männlich.

Und doch kann man das ganze auch drehen: Wenn wir verstehen, dass Gott uns allein lässt mit Mutter Erde, auch in Krisenzeiten wie der aktuellen, und wenn wir daran glauben, doch aus der Ferne beschützt zu werden, dann fehlt doch nur noch ein winziger Schritt zu einer Einsicht. Wir müssen selbst dafür sorgen, dass wir Wege finden, in Frieden zu leben. Mutter Erde gibt uns dazu Wärme und Nahrung, Gott Vater beschützt uns und traut uns diese Aufgabe zu.

 

 

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